Kleine Baustellengeschichte
- vor 9 Stunden
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In Tansania, und erst recht in Daressalam, sind die Leute nicht so lärmempfindlich wie verweichlichte EuropäerInnen. Und es gibt auch keine Ruhetage. Im street life merkt man kaum einen Unterschied, wenn Sonntag ist oder einer der unzähligen Feiertage muslimischer, christlicher oder staatlicher Provenienz. Von diesen profitieren nur der Verwaltungsapparat, die Schulkinder und vielleicht noch ein paar Bankangestellte. Die Supermärkte und Einkaufszentren sind geöffnet, die traditionellen Märkte auch und all die Straßenhändler und Tuktukfahrer können sich kaum jemals überhaupt einen freien Tag erlauben.
Seit dem letzten Wochenende weiß ich, dass auch öffentliche Baustellen am Sonntag keine Ruhe geben. Gleich vor unserem Fenster muss großflächig ein bodennahes Felsgestein abgeräumt werden um Platz zu schaffen für eine „Aufweitung des Straßenraums“ , wie es zu meiner Zeit in der Bauverwaltung hieß. Eine wirklich große Aufgabe für einen Presslufthammer, auch wenn er durchrattert von 9 bis 18 Uhr – und genau das tut er also an allen Tagen. Da ihm fünf andere Beschäftigte mit unklarem Aufgabenprofil bei der Arbeit zuschauen, gönnt der Mann am Hammer sich keine Pause. Die einzige Aussicht auf kurze Ruhephasen besteht darin, dass manchmal der Generator streikt, der die Höllenmaschine antreibt. Er qualmt dann auch ein wenig und sorgenvoll beugt sich der Hammermann ebenso wie die 5 Beisteher über seinen Innenraum. Aber da natürlich alle Tansanier begnadete „Fixer“ sind, die alles Defekte rasant wieder flott kriegen (zumindest fürs erste), dauert die Schonzeit für die Nachbarn nicht lange.
Aber noch viel erschütternder als die Vibration des Dampfhammers ist die Sinnlosigkeit der Maßnahme. Denn unsere Straße ist die einzige in ganz Masaki, der Zustand wirklich nichts zu wünschen übrig lässt. Perfekt asphaltiert und schlaglochfrei, von höher liegenden Gehwegen schnurgerade eingefasst - und einen Stau hat man hier noch nie gesehen. Nicht umsonst ist der Toure Drive so beliebt bei den Freunden des Motorrennsports (die gerade am Wochenende auch gern ein wenig Krach machen…). Und nun scheint also irgendjemand auf die Idee gekommen zu sein, dass genau diese Straße ganz dringend eine zusätzliche Fahrspur braucht. Für sämtliche Benutzer und Anwohner der unzähligen Holperstrecken, die je nach Saison in Staub oder Schlamm versinken oder durch pop-up Gewässer waten, ist es der blanke Hohn.
Des Presslufthammers erste Aufgabe bestand darin, auf der unbebauten Seite der Straße zum Meer hin den Gehweg aufzubrechen, der doch selbst eine Art Kulturdenkmal war. An praktisch allen anderen Straßen hier, auch den stark befahrenen, sind Fußgänger eingeladen, sich selbst ihren Weg irgendwie zu bahnen. Durch den Dreck im Slalom um quer geparkte Autos und sonstige Hindernisse herum, nicht selten in akuter Lebensgefahr durch 2, 3 oder 4-rädrige Fahrzeuge einschließlich stinkender Busse und archaischer Lastzüge, die ja auch alle immer auf der Suche nach einer Lücke zum Durchschlängeln sind. Wir trauern sehr um unseren Gehweg, den man zum Radeln benutzen konnte, während auf der Fahrbahn mit rasenden XXL-SUVs zu rechnen ist, die zu gewagten Überholmanövern neigen. Da können schwächere Teilnehmer am Gegenverkehr sehr leicht unter die Räder kommen.
Wer denkt sich so eine abwegige Baumaßnahme aus und warum? Wir wissen es nicht – und auch für kritische Inländer wäre es vermutlich sehr schwierig, den zuständigen Stellen sachdienliche Erläuterungen zu entlocken. So weit ist es hier nicht her mit Rechenschaftspflicht, wie es im Entwicklungsdeutsch heißt. Dass die Investitionsentscheidung etwas zu tun haben könnte mit dem nahen 5-Sterne Hotel an der Spitze unserer Halbinsel, wo sich wichtige Leute (die mit den XXL-SUVs) gern treffen, wäre also nur eine unbegründete (und tendenziell böswillige) Vermutung. (HW)










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