Pemba 2: Sanisibarisches Sauerkraut
- vor 3 Tagen
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Die Grand Lodge muss früher mal eins sehr ansehnlichsten Häuser auf Pemba gewesen sein, eine weiße Villa. Aktuell jedoch schwer heruntergekommen, das Foto im Internet muss noch älter sein als die neuesten Gästebeurteilungen von 2019.
Um so freundlicher begrüßt uns hier ein kleiner drahtiger alter Mann namens John mit wenig Zähnen und hellbrauner Hautfarbe. Das ist der Küchenchef, er trägt eine Schürze mit sexistischem Aufdruck. Er klagt, dass es derzeit wegen der Ramadan-Feiertage in Wete nichts zu kaufen gibt, nicht einmal den bestellten Fisch für unser Dinner habe er auftreiben können. Es bekümmert ihn sichtlich, eine solche Auskunft geben zu müssen, wir beruhigen ihn: Kein Problem, Gemüse ist auch gut. (Schlimmer schon, dass es auch kein Bier gibt bei den streng gläubigen Pembanern, aber das wussten wir schon vorher.) Später werden wir mehr über John erfahren. Noch ein paar weitere Angestellte sind zugegen nur für uns und man fragt sich, was sie sonst immer tun, der einzige Eintrag auf unserer Seite der Gästeliste ist auch nur für eine Nacht und schon ein paar Tage her.
Durch ein staubiges Treppenhaus und eine Art Salon mit historischen Möbeln und vergilbten Bildern an der Wand erreichen wir unser Zimmer, das so ziemlich in Ordnung ist und schön sauber, der Boden vom frischen Wischen noch nass. Nur den Deckenventilator hat man vergessen. Als wir ihn einschalten (zum ersten Mal seit wann?) regnet es schwarze Staubflocken aufs Moskitonetz. Als nächstes setzen sich zwei stattliche Nashornvögel mit knallroten Riesenschnäbeln synchron auf die beiden Fensterbänke und glotzen neugierig und leicht indigniert durch die Scheibe – als wäre das eigentlich ihr Zimmer. Spätestens jetzt wird klar: Das ist ein magischer Ort.
Weiter auf die Dachterasse. Kleine bis mittlere Schäden auch hier, aber das Sonnendach, der Tisch darunter und vor allem die Aussicht in alle Richtungen sind völlig intakt. Einerseits zwischen der üppigen Vegetation ein Stück Meer, das wie ein breiter Fluss aussieht denn gleich vor der Küste liegen noch ein paar unbewohnte Inselchen. Dorfwärts ein weiteres stattliches altes Haus mit Holzbalkonen, leider ebenfalls ruiniert und offenbar verlassen. Zwischen ihm und uns ragt noch ein riesiger Schuttberg aus dem Grün.
Kurz nach Sonnenuntergang schlägt die eigentliche Stunde der Flughunde, offenbar fliegen sie jeden Abend nordwärts direkt übers Haus: erst ein einzelner voreiliger, dann noch 2 oder 3 und dann immer und immer noch mehr, die Karawane scheint kein Ende zu nehmen. Manche rasten oder kreisen auch bei einem bestimmten der riesigen Bäume. Bevor das Schauspiel vorbei ist, kommt schon das Dinner die Treppe hinauf. Zum gewürzten Reis sind doch noch zwei kleine Fische aufgetaucht, vielleicht hat jemand sie auf Johns besonderen Wunsch noch schnell gefangen? Jedenfalls schmecken sie so wunderbar frisch, wie ich es mir so nah am Wasser erträumt hatte. Dazu noch diverse kleine Gemüse-Zubereitungen und der leicht geschärfte Salat aus fein geschnittenen Tomaten, den es auch anderswo oft gibt.
Schön still und naturdunkel ist die Nacht an diesem Ende der Welt, und nach dem Frühstück (frisch gebackene Chapatis, indische Pfannkuchen, denn Brot war auch nicht zu kriegen) müssen wir das abgeschabte Paradies verlassen. Vorher sind noch diverse Rechnungen auszuhandeln, in bar zu zahlen und umständlich Quittungen auszufüllen. Die 30 Dollar (also 76.000 tansanische Shilling) für das unvergessliche Diner gehen direkt an den Koch, damit wird er nach Abzug der Produktionskosten eine Zeitlang auskommen können und müssen.
Im Gegenzug erzählt er noch ein bisschen aus seinem bewegten Leben. Geboren in Zanzibar von Eltern aus Goa – da das zu der Zeit noch Kolonie war, hat er einen portugiesischen Pass und heißt eigentlich nicht John, sondern Joao. Viele Jahre lang unterwegs gewesen als Koch auf griechischen Schiffen zwischen Mittelmeer und Afrika, auch in Hamburg war er öfters und kennt sogar das deutsche Binnenland. Und nun seine stolze Frage zum Schluss: Did you notice I prepared the cabbage German style, really sour? Nein, wir haben es leider nicht erkannt, aber jetzt, da er fragt, wird es klar: Die schmackhafte Beilage war tropisches Sauerkraut. (HW)










Pemba 2: Wunderbarer Bericht einer offenbar ganz besonders atmosphärischen Reise - dankeschön! Alles Gute und noch eine Zeit mit magischen Erlebnissen in Tansania Euch beiden! Aus Tübingen viele Grüße von Jürgen und Edith